Jahrzehntelang wurde die Energieeffizienz eines Gebäudes ausschliesslich anhand seines Betriebsverbrauchs gemessen. Heute entspricht die in den Materialien enthaltene Energie — die graue Energie — rund einem Viertel der Primärenergie eines neuen Niedrigenergiegebäudes und etwa der Hälfte der CO₂-Bilanz eines erneuerbar beheizten EffizienzbausBFE, «Graue Energie von Neubauten»: 42,0 kWh/m²·an graue Energie von insgesamt 158,9 kWh/m²·an bei einem Mehrfamilienhaus mit tiefem Verbrauch, also rund 26 %.Office fédéral de l'énergie (OFEN) / SuisseEnergie — L'énergie grise dans les nouveaux bâtiments — Guide pour les professionnels. Dies ist zu einem zentralen Thema geworden, und der Genfer Rechtsrahmen spiegelt dies nun direkt wider.
Die graue Energie (oder inkorporierte Energie) bezeichnet die gesamte Energie, die für die Herstellung eines Gebäudes erforderlich ist: Rohstoffgewinnung, industrielle Verarbeitung, Transport, Einbau auf der Baustelle, Instandhaltung, Ersatz während der Nutzungsdauer sowie Rückbau und Entsorgung am Lebensende.
Sie wird ausgedrückt in nicht erneuerbarer Primärenergie — historisch in MJ/m² Energiebezugsfläche (SRE), oder annualisiert in kWh/m²·an über die Standardnutzungsdauer des Gebäudes (60 Jahre gemäss dem technischen Merkblatt SIA 2032Minergie, Berechnung der grauen Energie (2021): Nutzungsdauer des Gebäudes von 60 Jahren, Amortisationsdauern der Bauteile gemäss dem technischen Merkblatt SIA 2032.Minergie Suisse — Berechnung der Grauen Energie und der Treibhausgasemissionen bei Minergie-ECO (v1.3)). Der Indikator, den der Genfer Rechtsrahmen inzwischen heranzieht, ist jedoch nicht die Energie: Es ist die CO₂-Bilanz, also die Treibhausgasbilanz, ausgedrückt in kg CO₂-eq/m²·an.
Die Ökobilanz (ACV) — oder Life Cycle Assessment (LCA) — ist die standardisierte Methode zur Quantifizierung der Umweltbelastung eines Gebäudes «von der Wiege bis zur Bahre». In der Schweiz strukturieren das technische Merkblatt SIA 2032 (Ökobilanzmethode) und die europäische Norm EN 15978 die Ökobilanz in vier Hauptmodule.
In der Praxis stützt sich die Genfer Berechnungsvorschrift auf die Module A1–A5 (Materialherstellung, Transport und Einbau) und B4 (Ersatz während der Nutzungsdauer), die den Grossteil der grauen Energie eines gut konzipierten Neubaus ausmachen. Die Module C und D sind in umfassenden Ansätzen (SNBS, DGNB) enthalten.
Die graue Energie schwankt je nach Material erheblich. Die Schweizer Datenbank KBOB (Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren)Offizielle Bezeichnung gemäss kbob.admin.ch: Koordinationskonferenz der Bau- und Liegenschaftsorgane der öffentlichen Bauherren — die drei letzten Wörter gehören zum Namen.Confédération suisse — kbob.admin.ch — Conférence de coordination des services de la construction et des immeubles des maîtres d'ouvrage publics KBOB veröffentlicht die Referenzwerte, die in sämtlichen behördlichen Berechnungen in der Schweiz verwendet werden. Die nachstehende Grafik vergleicht die graue Energie typischer Bauweisen pro m² Energiebezugsfläche (EBF/SRE)Die RECMC und die Norm SIA 390/1:2025 beziehen die Grenzwerte auf die Energiebezugsfläche (EBF/SRE) und drücken sie in kg CO₂-eq/m²/Jahr aus.République et canton de Genève — Recueil systématique (silgeneve.ch) — Règlement concernant l'empreinte carbone des matériaux de construction (RECMC), rsGE L 5 05.05.
Bau-CO₂-Bilanz (kg CO₂-eq/m²·an) als Hauptwert, graue Energie (MJ/m²·an) daneben. Richtwerte, annualisiert über 60 Jahre, Module A1–A5 + B4, pro m² SRE. Die Reihe ist an den Minergie-ECO-Grenzwerten für Neubauten (25,0–36,1 kWh/m²·an, entspricht 90–130 MJ/m²·an), den vom BFE gemessenen 42 kWh/m²·an und den Richtwerten von ecobau / SIA 390/1 (Wohnungsneubau: Holz 6, massiv 8 kg CO₂-eq/m²·an) ausgerichtet.
Drei materialbezogene Hebel treten systematisch hervor: das Tragwerk (Beton vs. Holz), die Dämmung (synthetisch vs. mineralisch vs. biobasiert) und die Fassadenverkleidungen (Aluminium oder Zink vs. Verputz oder Holz). Laut BFE entfällt rund ein Drittel der grauen Energie auf den RohbauBFE, Leitfaden graue Energie von Neubauten: Aufteilung nach BKP-Gruppen — Rohbau rund ein Drittel, Gebäudetechnik rund ein Fünftel, Innenausbau rund ein Fünftel.Office fédéral de l'énergie (OFEN) / SuisseEnergie — L'énergie grise dans les nouveaux bâtiments — Guide pour les professionnels und je rund ein Fünftel auf die Gebäudetechnik und den Innenausbau: Tragwerk und Hülle sind der erste Hebel, die Gebäudetechnik darf aber nicht ausgeblendet werden.
Der Kanton Genf hat in seinem Baugesetz (loi sur les constructions et les installations diverses, LCI, vom 14. April 1988, rsGE L 5 05)Offizieller Titel gemäss Präambel der RECMC: «loi sur les constructions et les installations diverses, du 14 avril 1988» (LCI, rsGE L 5 05), Art. 117 und 118.République et canton de Genève — Recueil systématique (silgeneve.ch) — Règlement concernant l'empreinte carbone des matériaux de construction (RECMC), rsGE L 5 05.05 Anforderungen verankert, die über die reine Betriebsenergieeffizienz hinausgehen. Die Artikel 117 und 118 bilden ein sich ergänzendes Paar: Der eine legt die Regel zur Materialwahl fest, der andere die Methode zur Messung der CO₂-Auswirkung.
Die Berechnung der grauen Energie stützt sich auf drei sich ergänzende Säulen: ein technisches Merkblatt als Methode (SIA 2032), eine Datenbank mit Materialwerten (KBOB) und Softwaretools, die beide kombinieren.
Im Gegensatz zur Betriebsenergie lässt sich graue Energie nachträglich nicht kompensieren: Sie wird im Moment der Bauausführung festgelegt. Die strukturierenden Entscheidungen müssen daher im Vorfeld getroffen werden, bereits bei den ersten Entwürfen.
Massivholz (Brettsperrholz, Brettschichtholz), Zellulosedämmung, Hanf, Stroh, Stampflehm, Lehmziegel: Diese Materialien weisen eine 3- bis 10-mal geringere graue Energie auf als ihre konventionellen Pendants. Holz speichert zudem atmosphärischen Kohlenstoff (Senkeneffekt). Lokale geobasierte Materialien (Stein, Lehm) eliminieren den Transportenergieaufwand.
Die Wiederverwendung eines bestehenden Balkens oder einer Betondecke eliminiert nahezu vollständig die graue Herstellungsenergie — nur Transport und Instandsetzung werden angerechnet. Die strukturelle Wiederverwendung (Böden, Dachstühle, Fassaden) ist einer der wirksamsten Hebel, in der Suisse romande noch wenig genutzt, aber stark wachsend.
Weniger Material = weniger graue Energie. Eine kompakte Form reduziert die Hüllflächen. Eine passgenau dimensionierte Struktur (präzise statische Berechnung, optimierte Querschnitte) vermeidet einen übermässigen Verbrauch an Beton oder Stahl. Der Grundsatz «gerade richtig bauen» ist die erste Massnahme für graue Energie, noch vor der Materialwahl.
Ein langlebiges Material wird nur einmal statt zwei- oder dreimal in 60 Jahren ersetzt — was seine B4-Auswirkung proportional reduziert. Zudem ermöglicht eine «rückbaubare» Konzeption (mechanische Befestigungen statt Kleber, reversible Verbindungen) die künftige Wiederverwendung der Bauteile: gelebte zirkuläre Architektur.
Der Transport (Modul A4) wiegt deutlich weniger als die Materialherstellung, bleibt aber ein Posten, an dem man ansetzen kann. Regionales zertifiziertes Holz (FSC/PEFC), in der Schweiz oder im nahen Frankreich hergestellte Dämmstoffe und lokale Zuschlagstoffe zu bevorzugen, reduziert diese Auswirkung und unterstützt gleichzeitig lokale Verwertungsketten — ein Argument, das in Genfer öffentlichen Ausschreibungen zunehmend geschätzt wird.
Nur bestimmte Labels gehen über die Betriebsenergieeffizienz hinaus und beziehen die graue Energie sowie die CO₂-Bilanz der Materialien mit ein. Die nachstehende Tabelle fasst die wichtigsten in der Suisse romande und im nahen Frankreich verfügbaren Zertifizierungen zusammen.
| Label | Graue Energie erforderlich | Norm / Methode | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Minergie®-ECO | ✓ Ja | SIA 2032 + KBOB | Das ergänzende Modul ECO verlangt eine Berechnung der grauen Energie sowie Gesundheits-/Materialkriterien |
| Passivhaus Classic/Plus/Premium | — Nein (Classic) ◐ Teilweise (Plus/Premium) |
PHPP (erneuerbare Energie) | Passivhaus Plus/Premium bezieht die Erzeugung erneuerbarer Energie mit ein, jedoch standardmässig nicht die Materialökobilanz |
| SNBS | ✓ Ja — verlangt | SIA 2032 + ecoinvent | Kriterium «Baumaterialien» mit Höchstwert für Treibhausgaspotenzial und graue Energie; von einzelnen öffentlichen Bauherren der Westschweiz verlangt, im Einzelfall zu prüfen |
| DGNB | ✓ Ja — zentral | EN 15978 + ÖKOBAUDAT / KBOB | Vollständige Ökobilanz (A–D), gewichtet in der Gesamtbewertung. Eines der anspruchsvollsten Systeme in diesem Kriterium. |
| Minergie® Standard | — Nein | — | Nur Betriebsenergie. Kombination Minergie + ECO erforderlich, um graue Energie zu berücksichtigen. |
| HPE / THPE (Genf) | ◐ über LCI art. 117–118 | SIA 390/1 / KBOB | HPE/THPE (REn art. 12B/12C — rsGE L 2 30.01) decken nur die Betriebsenergie abStandards HPE (REn Art. 12B) und THPE (REn Art. 12C), rsGE L 2 30.01: Sie betreffen die energetische Leistung im Betrieb, unabhängig von den Art. 117-118 LCI.République et canton de Genève — Recueil systématique (silgeneve.ch) — rsGE L 2 30.01 — Règlement d'application de la loi sur l'énergie (REn), du 31 août 1988. Die CO₂-Bilanz der Materialien fällt unter die art. 117–118 LCI, die unabhängig vom angestrebten Niveau gelten. |
| RE2020 (Frankreich) | ✓ Ja — Ic construction | Dynamische gesetzliche Ökobilanz (Erlass vom 4. August 2021) | Indikator Ic construction (kg CO₂-eq/m², kumuliert über den Referenzzeitraum von 50 Jahren)Leitfaden RE2020 (Jan. 2024): Ic construction wird in kg CO₂-eq/m² über den Referenzzeitraum von 50 Jahren ausgedrückt — 740 kg/m² im Geschosswohnungsbau 2022, 490 kg/m² ab 2031.Ministère de la Transition écologique et de la Cohésion des territoires — Guide RE2020 — Réglementation environnementale des bâtiments neufs (version janvier 2024) mit sinkendem Schwellenwert gemäss den regulatorischen Etappen 2022–2031 |
◐ = teilweise oder anreizbasierte Berücksichtigung. — = vom Basisstandard nicht verlangt.
Ist graue Energie in Genf obligatorisch?
Ja, schrittweise. Art. 117 LCI schreibt vor, die CO₂-Bilanz der Materialien zu begrenzen — mit Priorität für Wiederverwendung, dann für rezyklierte Materialien — und Art. 118 legt die Methode fest: eine Treibhausgasbilanz über den gesamten Lebenszyklus. Die quantitativen Grenzwerte sind seit der RECMC festgelegt (rsGE L 5 05.05, vom 15. Oktober 2025)RECMC (rsGE L 5 05.05): CO₂-armes Konzept ab 2029 obligatorisch, Grenzwerte ab 2027 für Staatsbauten und ab 2034 für alle Projekte anwendbar.République et canton de Genève — Recueil systématique (silgeneve.ch) — Règlement concernant l'empreinte carbone des matériaux de construction (RECMC), rsGE L 5 05.05: 5 kg CO₂-eq/m²/Jahr bei Sanierungen, 11,3 im Wohnungsneubau, 12,6 für Verwaltung, Schule, Handel und Restaurant — verbindlich ab 2027 für Staatsbauten, CO₂-armes Konzept ab 2029, Grenzwerte für alle ab 2034. Für öffentliche Gebäude und Projekte einer bestimmten Grössenordnung wird eine formelle Ökobilanz-Analyse erwartet. Dieses Kriterium bereits in der Konzeption zu berücksichtigen, ist sowohl eine schrittweise gesetzliche Anforderung als auch professionelle gute Praxis.
Kostet der Holzbau mehr?
Der Holzbau weist im Rohbau gegenüber konventionellem Beton häufig Mehrkosten auf — dieser Abstand nimmt jedoch mit der Industrialisierung der Branche und den Baustellenvorteilen (Schnelligkeit, trockener Einbau) ab. Über die gesamten Lebenszykluskosten (LCC) betrachtet, erweist sich Holz oft als konkurrenzfähig, insbesondere durch reduzierten Bauabfall und den Werterhalt der Bauteile am Lebensende.
Kann man Beton behalten und trotzdem graue Energie reduzieren?
Ja, es gibt mehrere Hebel: klinkerarmer Beton (Zementsubstitution durch Flugasche oder Hochofenschlacke), Recyclingbeton für bestimmte Anwendungen, Optimierung der Tragquerschnitte und Ausgleich durch die Wahl einer biobasierten Dämmung und von Belägen mit niedriger grauer Energie. Eine optimierte Betonstruktur kann auf ~110 MJ/m²·an sinken, nahe an einem Standard-HolzbauStimmt mit den Minergie-ECO-Grenzwerten für Neubauten überein (25,0–36,1 kWh/m²EBF·a, entspricht 90–130 MJ/m²·an) sowie mit den vom BFE gemessenen 42 kWh/m²·an.Minergie Suisse — Berechnung der Grauen Energie und der Treibhausgasemissionen bei Minergie-ECO (v1.3).
In welcher Projektphase muss man sich darum kümmern?
Graue Energie wird im Wesentlichen in der Vorstudien- (EP) und Vorprojektphase (APD) «gewonnen» oder «verloren». Eine schnelle Schätzung anhand von Volumetrie und Konstruktionssystem genügt, um die wichtigsten Entscheidungen zu steuern. Wer damit erst beim Ausführungsdossier beginnt, kann die wirklich entscheidenden Weichen nicht mehr stellen.
Wie integriert man graue Energie in einen Architekturwettbewerb?
Immer mehr Genfer und Waadtländer Wettbewerbe integrieren ein Kriterium graue Energie / CO₂-Bilanz in ihr Programm. Eine schematische Schätzung pro m² (Volumenverhältnis je nach vorgesehenem Konstruktionssystem) genügt im Wettbewerbsstadium, um das Projekt zu positionieren. Die KBOB-Werte nach Konstruktionssystem ermöglichen einen raschen Variantenvergleich ohne detaillierte Modellierung.
Jede Zahl und jede Aussage in diesem Dossier ist belegt. Fahren Sie über eine Fussnote oder tippen Sie sie an, um die Quelle anzuzeigen.
Vorläufige Ökobilanz-Schätzung, Materialwahl, Wiederverwendung, Konformität mit LCI art. 117–118 — sprechen wir bereits ab der Entwurfsphase darüber.
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